Vertrauensperson hinter Gittern
Samstag für Samstag schlüpft Rocco Cipriano in die Rolle des Temporärhäftlings. Der Wohler Kickboxer und Fitnessinstruktor erteilt in der Strafanstalt Lenzburg Bodytraining. Hinter verschlossenen Türen betreut er vom Drogendealer bis hin zum Kinderschänder jeden Insassen Rocco, du bist ehrlicher Mann. Aber du wirst immer armer Mann bleiben.» Diese Aussage eines Häftlings bringt immer wieder ein Lächeln in Rocco Ciprianos Gesicht. Schon des öfteren hätte er sich in der Strafanstalt Lenzburg einen beachtlichen Zustupf verdienen können. Nicht mit den eineinhalb Stunden Bodytraining, die er jeden Samstagmorgen den Insassen erteilt. Nein, vielmehr mit kleinen Gefallen, um die ihn seine Trainingsgäste bitten. «Natels sind zum Beispiel hoch im Kurs, weil sie verboten sind», erklärt der Wohler Kickboxer.Cipriano wird nie auf ein Geschäft eingehen: «Was ich damit kaputt machen würde, kann ich nicht zurückkaufen».
Er nimmt seine Vorbildfunktion wahr, schliesslich trainieren in der Kickboxingschule Wohlen auch viele Kinder. Zudem sei er, auch wenn er sich «bis auf die Knochen integriert» fühle, auf dem Papier ein Italiener und damit Ausländer. «In einem Gefängnis, wo viele fremdländische Kulturen zusammentreffen und wo es Spannungen gibt, bekommt man das von Seiten des Personals zu spüren» , meint er. Einzelne Angestellte standen ihm anfangs skeptisch gegeüber. Heute bin ich voll akzeptiert.
Für die Strafanstalt Lenzburg ist Rocco Cipriano ein Glücksfall. An dem seine Ehefrau Giusy - damals noch die Freundin nicht ganz unschuldig ist. Sie ist es, die als Mitarbeiterin eines regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) vor fünf Jahren den Kontakt herstellt, als aus einem Personalengpass heraus ein neuer Fitnessinstruktor gesucht wird. «Sie hatte niemanden in der Kartei, dachte aber gleich an mich», erinnert sich der Wohler.
Erst eher abgeneigt, mit verurteilten Verbrechern zu arbeiten, lässt sich Cipriano von einem Engagement für drei Monate überzeugen. «Die Verantwortlichen erhofften sich, in dieser Zeit einen Nachfolger zu finden. Doch die drei Monate dauern noch immer an» schmunzelt er.
Heute ist es für den erfolgreichen Kickboxer (mehrfacher Schweizermeister) nichts besonderes mehr, wenn er Samstag für Samstag «Temporärhäftling» ist. «Beim ersten Training hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, als hinten mir die Türe zufiel und abgeschlossen wurde».
Diogendealer bis hin zu Kinderschändern hat Cipriano schon in seinen Lektionen betreut. «Ich respektiere sie und sie respektieren mich», beschreibt er ihr Verhältnis im Trainingsraum. «Im Gegensatz zu vielen freien Menschen, die als Ausgleich oder Hobby ins Fitnesscenter gehen,ist das Fitnesstraining für viele Insassen ein echtes Bedürfniss. Diese Motivation, diese Lust am Sport teile auch ich. Es ist eine Einstellung, die ich teile und deshalb auch unterstütze». Von der Verwaltung erhalte er aber keine Informationen zu den Delikten seiner Gruppe. «Das interessiert mich nicht und darf mich nicht interessieren. Ich erfahre aber viel aus persönlichen und offenen Gesprächen». Die Trainingsgäste neben der sportlichen Kompetenz auch Ciprianos Gespür für Menschen.Einige Häftlinge seien wie «du und ich» Studierte intelligente Leute, die in ihrem Land an den schlechten Bedingungen scheiterten. «Es gibt aber diejenigen, die als Verbrecher rein kommen und als Verbrecher rausgehen», so der Wohler.































